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Rudolf Steiner, Auszüge aus den Vorträgen vom 26. August, 28. August und 29. August 1922 in Oxford, aus GA 305.

I. Die geschichtliche Entwicklung des sozialen Lebens in der Menschheit

„Die soziale Frage, wie liegt sie uns denn eigentlich vor? Sie liegt uns durchaus nicht, wenn wir unbefangen das Menschenleben der Gegenwart betrachten, so vor, dass wir eine klare Formulierung von ihr haben, dass wir wüssten, das ist die soziale Frage, und so kann man sie lösen. Das ist ja gar nicht der Fall.“ (…)

„Das ist das Eigentümliche in allen sozialen Verhältnissen der Gegenwart, dass die Frage der Wirklichkeit, des unmittelbaren Lebens ungeheuer drängen, und dass das Begreifen der Menschen nicht nachkommen will. – Wenn wir uns fragen: Wo sind die fruchtbaren sozialen Ideen? – dann werden wir wenig finden, was wir bei völliger Unbefangenheit so bezeichnen können. Gerade die Gedanken der Menschen pflegen, wenn es sich um das Soziale handelt, zu versagen.“ (…)

„Gerade auf dem Gebiete der sozialen Frage möchte heute jeder mitreden, und die wenigsten Menschen haben die Geduld und Ausdauer und auch nur die Gelegenheit, sich die konkreten Sachkenntnisse zu erwerben.“ (…)

„Nun handelt es sich darum, dass man vor allen Dingen, will man über die soziale Frage sprechen, sich ein Auge, einen Sinn aneignen muss für dasjenige, was in den Untergründen der Menschheit sozial pulsiert, was in der Vergangenheit war, was in der Gegenwart da ist, was in die Zukunft hineinwirken will, denn das, was in die Zukunft hineinwirken will, ist zum großen Teile im Unbewussten der Menschen überall vorhanden.“ (…)

„Aber vor allen Dingen ist es notwendig, dass man sich einen Begriff davon macht, wie die Verhältnisse über die Erde hin in Bezug auf das soziale Leben im großen sind, wie sie sich geschichtlich entwickelt haben.“ (…)

„Einheitliche soziale Struktur - Theokratie“

„Man muss zuerst hinschauen auf ganz andersartige Verhältnisse, die einmal innerhalb der geschichtlichen und vorgeschichtlichen Entwicklung der Menschheit waren. Man muss schon hinschauen auf jene sozialen Gemeinschaften, die man gerade als die orientalischen, noch stark nach Westen herüber wirkenden Theokratien auffassen kann. Das waren ganz andere soziale Gemeinschaften. Das waren soziale Gemeinschaften, in denen die Struktur der menschlichen Verhältnisse bewirkt worden war durch die Inspiration einer den übrigen Verhältnissen der Welt fremden Priesterschaft. Da hat man herausgeholt aus demjenigen, was sich einem an geistigen Impulsen ergab, Impulse für die äußere Welt.“ (…)

„Nur aus dem Durchsetztsein der äußeren materiell-physischen sozialen Struktur mit inspirierten Geboten ist das soziale Leben in alten Zeiten der Menschheit zu erklären. Und aus diesen Geboten, die eine der Welt entzogene Priesterschaft von außerhalb der Welt zu bekommen suchte, aus diesen Geboten ging nicht nur dasjenige hervor, was der Mensch für sein Seelenheil haben sollte, nicht nur, was er über Geburt und Tod dachte und empfand, sondern es ging dasjenige hervor, was das Verhältnis bilden sollte zwischen Mensch und Mensch. Aus dem weiten Orient herüber tönt nicht nur das Wort: „Liebe Gott über Alles“, sondern auch das andere: „und deinen Nächsten als dich selbst.“ Wir nehmen heute ein solches Wort „deinen Nächsten als dich selbst“ sehr abstrakt auf. Es war nicht so abstrakt in der Zeit, als von dem inspirierten Priester dieses Wort in die Menge klang. Da wurde es zu etwas zwischen den Menschen Wirkendem, wofür später alle diejenigen konkreten Verhältnisse traten, die wir unter dem Namen des Rechtes und der Moral zusammenfassen.“ (…)

„Ebenso waren die Verrichtungen des Wirtschaftslebens, dasjenige, was der Mensch tun sollte, was er tun sollte mit seinem Vieh, was er tun sollte mit Grund und Boden, (…) das war aus dem göttlich gedachten Eingebungen heraus festgestellt. Der Mensch fühlte sich als von den göttlichen Mächten in Bezug auf sein Rechtsleben und moralisches Leben, in Bezug auf sein Wirtschaftsleben in das Irdische hineingestellt. Eine einheitliche Struktur, wo die Glieder deshalb, weil ein Impuls in ihnen steckte, zusammenwirkten, war die Theokratie. Die drei Glieder: Geistesleben, Rechtsleben, dasjenige was wir heute auch Staatsleben nennen, dasjenige was wir Wirtschaftsleben nennen, war in einem einheitlichen Organismus, der durchpulst wurde von dem, was nicht auf der Erde zu finden war an Impulsen, zusammengefasst. – In der weiteren Entwicklung der Menschheit ist das das Eigentümliche, dass diese drei Impulse, Geistesleben, staatlich-juristisch-moralisches Leben, und wirtschaftliches Leben, auseinanderdrängten, sich differenzierten. Aus dem einen Strom, der in den Theokratien als einheitliches Menschenleben dahinfloss, wurden allmählich zwei, (…) und nachher drei; und diesen drei Strömungen stehen wir heute gegenüber.“ (…)

„Die Theokratie, so wie sie in alten Zeiten bestanden hat mit der Inspiration der Mysterienpriester, die hineinfloss in die soziale Struktur, in das juristisch-moralische und auch in das wirtschaftliche Leben, diese Theokratie wird, um nur das eine anzuführen, im wirtschaftlichen Leben nur fertig, kann nur zustande kommen mit demjenigen, was zu tun hat mit dem Verhältnis des Menschen zu Grund und Boden. Es lassen sich gebotartige Verhaltunsmaßregeln für das landwirtschaftliche Leben heraus gestalten aus der Inspiration, wenn das wirtschaftliche Leben in seiner Hauptsache im Grund und Boden, in der Landwirtschaft, Viehzucht und so weiter begründet ist.“ (…)

„Zweigliederung“

„In dem Augenblick, wo in der Entwicklung der Menschheit anfangen Handel und Gewerbe eine größere Rolle zu spielen, in dem Augenblick wird es anders.“ (…)

„Wir sehen in der Entwicklung der Menschheit, wie Handel und Gewerbe sich gewissermaßen emanzipieren von dem Landwirtschaftlichen, erst ganz in seinem Anfange im alten Griechenland, und dann deutlicher in dem alten römischen Reiche. Da sehen wir, wie gewissermaßen herauswächst wie etwas Selbständiges in der sozialen Struktur die Betätigung des Menschen im Handel und Gewerbe, und gibt dem ganzen römischen Leben namentlich seine Konfiguration.“ (…)

„Und dasjenige, was man jetzt als etwas Selbständiges bemerkte, was früher hinein gegliedert war in die ganze soziale Struktur, das ist die menschliche Arbeit, die ein besonderes Verhältnis von Mensch zu Mensch begründet.“ (…)

„In dem Augenblicke, wo die Arbeit als etwas Emanzipiertes, Selbständiges auftritt, ergibt sich die Frage: Wie stelle ich mich zu meinem Mitmenschen, damit meine Arbeit in der richtigen Weise sich hinein gliedert in die soziale Struktur? – Handel, Gewerbe, Arbeit, das sind die drei wirtschaftlichen Faktoren, aus denen dann der Mensch angeregt wird, hervorzutreiben aus sich dasjenige, was das Recht ist, und auch, was die abgezogene Moral ist, die aus der Religion herausgezogene Moral. Und der Mensch fühlt sich dadurch veranlasst, aus dem einen Strom der Theokratie zwei hervorgehen zu lassen: die alte Theokratie weiter gehen zu lassen und einen zweiten Strom, den Strom, der im wesentlichen der Strom des Kriegerischen und namentlich des Juristischen ist, daneben fließen zu lassen.“ (…)

„Dreigliederung“

„Diese Zweigliederung (…) werden wir dann auslaufen sehen in eine Dreigliederung in der modernen Zeit, wo die drei Glieder ebenso nebeneinander stehen. – Dreigliederung (…) ist ja nicht so gemeint, dass man jetzt eine schöne Einheit hat im sozialen Leben und nun drei Schnitte machen soll, dass die drei Glieder sich nebeneinander entwickeln, sondern die Dreigliederung ist so gemeint, dass sie da ist, wie im Menschen die drei Glieder sind: Kopf-Nervensystem, das rhythmische System und das Stoffwechselsystem. Nur müssen die ordentlich zusammenwirken, und es muss jedem das Seine zugeteilt werden.“ (…)

„Wenn das geistige Glied des sozialen Organismus nicht ordentlich arbeitet, zu viel, sagen wir, an das Wirtschaftliche abgibt, denn das ist der Kopf heute des sozialen Organismus, dann entstehen allerlei sozialen Krankheiten.“ (…)

„Zu jenen zwei Strömungen (…) kommt immer mehr und mehr von dem Beginn des 15. bis 16. Jahrhunderts an, am deutlichsten aber im 19. Jahrhundert, ein dritter Strom. Er kommt um so deutlicher hinzu, je mehr sich die Kultur nach Westen bewegt. Es kommt zu demjenigen, was ursprünglich theokratisch angepasst war dem Grund und Boden, der Landwirtschaft, zu dem kommt hinzu in den mittleren Gegenden das Juristische, das angepasst ist Handel, Gewerbe, Arbeit. Und im Westen kommt nun hinzu immer mehr und mehr das, was man später begreift unter dem Namen des Industriellen, des eigentlichen Industriellen mit all dem, was technisch sich diesem Industriellen einfügt.“ (…)

„Das hat in der Tat zu dem alten theokratischen und juristischen Strome ein ganz neues Element gebracht, einen ganz neuen Strom in den realen Verhältnissen, denn es hat den Menschen nicht etwa näher hingebracht an die Außenwelt, sondern es hat den Menschen mehr auf sich selbst zurückgewiesen. Der Mensch stand im Mittelalter so, dass ein Teil von ihm war, was er, sagen wir, als einen Schlüssel machte zu einem Schloss oder das Schloss selber. Da ging, was der Mensch betätigte, in die Arbeit über. Wenn der Mensch an der Maschine steht, es ist im ganz einerlei, etwas relativ gesprochen, wie sein Verhältnis zur Maschine ist. Dadurch wird er um so mehr auf sich zurückgewiesen. Seine Menschlichkeit empfindet er. Der Mensch tritt als ein ganz neues Wesen in die Entwicklung ein. Er löst sich von seiner äußeren Betätigung.

Das ist es, was im Westen als das demokratische Element in den letzten Jahrhunderten heraufkommt, aber erst als eine Forderung, als ein Postulat, nicht wie irgend etwas Realisiertes. Denn die Verhältnisse überwältigen den Menschen. Die Menschen können nur theokratisch oder juristisch denken. Aber das Leben wird industriell-wirtschaftlich mit überwältigenden Forderungen. Da hinein gehen noch nicht die Gedanken.“ (…)

„Die heutige große Frage“

„Und die große Frage steht heute vor der Menschheit: Wie macht es der Mensch mit dem wirtschaftlichen Leben?, ebenso wie er es einstmals mit dem Theokratischen, wie er es mit dem Juristischen gemacht hat.

Diese große Frage glaubt man heute, könne auf rein materialistische Weise gelöst werden. Jeder will sie aus dem Wirtschaftsleben heraus lösen. Hier soll gezeigt werden in bescheidenen Anfängen, dass sie nur auf spirituellem Wege gelöst werden kann.

* * *

II. Soziale Impulse in der Gegenwart

„Die Teilung im sozialen Organismus ist eine geschichtlich gewordene und ist einfach heute da, und es handelt sich heute nicht darum, nachzudenken darüber, wie man den sozialen Organismus in drei Glieder trennen soll, sondern wie man die Verbindungsglieder finden soll zwischen den drei Gliedern, die da sind.“ (…)

„Nun liegt die Sache so, dass die Frage (…) eine ganz andere ist für den Osten der zivilisierten Welt, für Russland, Asien eine ganz andere ist für Mitteleuropa, und eine ganz andere ist für den Westen, für England und Amerika. Das ergibt sich aus einem wirklichkeitsgemäßen Denken. Denn (…) das Hervorgehen der industriellen Weltordnung aus den beiden früheren, so dass sie neben ihnen als eine besondere Strömung weiterläuft, das hat sich vorzugsweise unter dem Einfluss der westlichen Länder entwickelt.“ (…)

„In Westeuropa hat sich das wirtschaftliche, das ökonomische Wesen in einer gewissen Emanzipation vom Staate erhalten, und das geistige Wesen erst recht. Das steht in einer gewissen Selbständigkeit den anderen beiden Gliedern gegenüber. – In Mitteleuropa entstand eine kompakte Masse aus Geistesleben, juristischem Staats- und Verfassungsleben und Wirtschaftsleben.“ (…)

„In Deutschland hat man das Gefühl: Das geistige Leben steckt so drinnen im staatlichen Leben, dass man ihm erst auf die Beine helfen muss, dass es selbständig stehen kann. Hier (in England) hat man das Gefühl, das geistige Leben steht so selbständig da, dass es sich überhaupt nicht irgendwie kümmert um die anderen Glieder. Das gibt eine wesentlich andere Färbung, wenn man wirklichkeitsgemäß denkt gegenüber der ganzen sozialen Frage der Gegenwart und dem Grundimpuls der sozialen Frage in unseren Tagen.“ (…)

„Im praktischen Leben schlagen heute die Theorien die Wirklichkeit tot.“

„Wenn man versucht, aus der Wirklichkeit heraus zu denken, den Menschen Antworten zu geben aus der Wirklichkeit heraus, so verstehen sie es nicht, denn sie kommen mit Theorien, mit einem Kopf, der ganz gespickt ist mit 'Kapital' und 'Mehrwert' und 'Klassenkampf' und allem möglichen, und mit allen alten Vorurteilen. Sie kommen mit demjenigen, was alte Denkgewohnheiten sind. Und heute schlagen gerade im praktischen Leben die Theorien die Wirklichkeit tot. Das ist das eigentümliche Rätsel unserer Zeit, dass die Praktiker alle Theoretiker geworden sind, dass sie alle Ideen im Kopfe haben, die sie gerade, meinetwillen, aus einer Fabrik heraus zusammengeschmiedet haben, und mit diesen theoretischen Ideen das ganze soziale Leben meistern wollen.“ (…)

„Aber wir müssen vor allen Dingen lernen, wirklich modern zu denken, um im modernen Sinne zu einer sozialen Urteilsbildung zu kommen.“ (…)

„Jedes soziale Einzelurteil ist falsch.“

„Da ergibt sich die Tatsache, dass der einzelne überhaupt, wenn er noch so gescheit ist, wenn er ein noch so intelligenter und meinetwillen auch idealistischer und praktischer Mensch ist – ich möchte das 'Praktisch' dreimal unterstreichen – , dass er als einzelner überhaupt ein soziales Urteil nicht gewinnen kann. Es ist ein, ich möchte sagen, soziales Mysterium, (…) dass jedes soziale Einzelurteil falsch ist.“ (…)

Der einzelne vermag sich kein Urteil zu bilden zwischen Ursache und Wirkungszusammenhang im sozialen Leben. Wir müssen tiefer gehen. Wir müssen hineinschauen bis in die Gliederung der Menschheit. Wir müssen uns fragen: Wie kann ein wirkliches soziales Urteil zustande kommen?

In den alten sozialen Urteilsfällungen, die wir nicht wieder heraufbeschwören wollen, die einer alten Zeit angehörten, der Zeit der Theokratien, in diesen alten Urteilsfällungen war das soziale Urteil nicht bewusst, sondern es wurde unbewusst gefällt; aber es wurde von Menschengruppen gefällt.“ (…)

„Der einzelne Mensch trat auf den Plan der Weltgeschichte.“

„Und aus dem Zusammenleben der Gruppen ist das richtige Soziale entstanden. Im Geist der Menschen hat sich aus der Gruppe heraus das Richtige entwickelt, auch die Demokratie entwickelt, und damit der demokratische Gedanke. Das erreichte seine Kulmination erst im Laufe der Zeit. Der einzelne Mensch trat auf den Plan der Weltgeschichte. Er konnte aber noch mitbringen dasjenige, was die Gruppen gebildet hatten. Es lebte in der Tradition fort. Das ging auch noch hinein in die juristisch-staatliche Ordnung, aber ging nicht mehr hinein in dasjenige, was vom Menschen losgelöst ist, in die maschinelle, die industrielle Ordnung. Da greift es nicht an, da geht es nicht mehr hinein.

Nun, so sehen wir, dass notwendig wird, wiederum etwas zu bilden gerade innerhalb der Wirtschaftsordnung, der ökonomischen Ordnung, das jetzt bei voll bewusstem Menschentum ähnlich ist den ursprünglichen sozialen Gruppen.

„Assoziationen“

Das habe ich genannt in meinem Buche Die Kernpunkte der sozialen Frage 1 die Assoziationen, wo das soziale Urteil nicht aus dem einzelnen hervorgeht, sondern aus dem, was in der Assoziation zusammenlebt, sich zusammenlebt, sich zusammen auslebt, in jenen Assoziationen, die die Konsumenten, die Produzenten und die Händler untereinander bilden. So dass man wiederum soziale Gruppen hat, aus denen sich jetzt bei vollem Bewusstsein das Urteil bildet, das der einzelne nicht bilden kann. Man kann noch so lange über eine Lösung der sozialen Frage nachdenken, alles Nachdenken ist Unsinn. Sinn hat nur, soziale Gruppen zu bilden, von denen man erwarten kann, das Partiallösungen der sozialen Frage entstehen, dass die Leute, die zusammen urteilen, etwas bringen, was einer Partiallösung der sozialen Frage für irgendeinen Ort und irgendeine Zeit nahe kommt, so dass es sich hineinstellt in die Menschheit. – Das ist dasjenige, was heute besonders notwendig ist, und was man so wenig versteht.“ (…)

„Es ist in der gegenwärtigen Zeit außerordentlich schwierig, über praktisches Denken zu sprechen. Die Menschen glauben alle Realisten zu sein, aber im Grunde genommen trifft man überall krause Theorien, die allerdings im Leben drinnen wirken.“ (…)

„Mir ist jede Theorie gleichgültig, und deshalb gilt mir jede Formulierung von Ideen und Begriffen bloß als eine Sprache, um die Realität auszudrücken.“ (…)

„Wenn wir über das Soziale praktisch denken wollen, dann muss man berücksichtigen, dass all das, was wir als Naturalismus, Idealismus, Materialismus, Spiritualismus haben, dem juristischlogischen Denken entstammt, dass das alles für die Gegenwart nicht mehr passt; aber ebenso wenig passt 'Industrialismus', 'Kommunismus', 'Sozialismus'. Alle diese Dinge sind gut um das eine oder das andere auszudrücken, aber sie sind, wenn man sie als Theorien, Schlagworte, als Agitationsdirektiven nimmt, alle bereits verbraucht.“ (…)

„Heute müssen wir in das wirkliche Leben untertauchen. Das ist nicht ideell, das ist eben real, und das fordert angesehen zu werden von den verschiedensten Gesichtspunkten.“ (…)

„Der Bauer war verknüpft mit dem Grund und Boden. Der Händler, der Gewerbetreibende war verknüpft mit dem anderen Menschen. Man studiert das nur nicht ordentlich, wie der Mensch dem anderen Menschen wert wurde, wenn er ihm etwas kaufte oder verkaufte, das er selber verfertigt hatte, mit dem er noch zusammenhing. Da war maßgebend dasjenige, was juristisch gedacht war. Da war maßgebend für den gerechten Preis dasjenige, was von Mensch zu Mensch wirkt, was sich abspielte zwischen Stadt und Land, die Gegenseitigkeit, dasjenige, was Mensch und Mensch untereinander abzumachen haben.

Nun kam die Zeit, wo die Menschheit der Maschine, der Technik gegenüberstand. Der Mensch insbesondere, der nun hineingestellt ist in die maschinelle Welt, der ist herausgerissen aus allen früheren Verhältnissen, hängt nicht mehr mit dem, was gegenseitig spielte zwischen Mensch und Mensch, in der Zeit, wo Handel und Gewerbe dominierte. Er ist auf seine Menschlichkeit gestellt. Und dabei ist das so, dass sich die soziale Struktur mit großer Abstraktheit entwickelt. Der Unternehmer steht da, und er hat im Grunde genommen bloß die Möglichkeit, mit der Bilanz zu rechnen, mit demjenigen zu rechnen, was sich ergibt aus der Unternehmung, denn alle übrigen Faktoren entziehen sich seiner Beobachtung. Er steht ja gar nicht mehr in Beziehung zum Menschen; er steht in Beziehung zu dem, was vom Menschlichen in die Bücher hineingegangen ist. Deshalb wird man gerade von sogenannten Praktikern heute außerordentlich schwer verstanden mit einem wirklich richtigen Denken. (…)

„Heute soll der Mensch in freier Geistigkeit die Spiritualität erringen.“

„Vom Grund und Boden strahlte das Essentielle des Geistes aus, dass der Mensch sagte: Was mir den Grund und Boden gibt, das Brot, das ist eine Gabe Gottes. Ja, (…) es wuchs die Theokratie nicht nur vom Himmel auf die Erde herunter, es wuchs die Theokratie mit jedem Weizenhalm aus dem Boden heraus. Das lebte doch in den menschlichen Seelen. Und später, indem der Mensch dasjenige, was er erworben hatte, dem anderen abgab, begründete sich in Handel und Gewerbe ein menschliches Verhältnis.

Ein menschliches Verhältnis aber zur Maschine – es ist unmöglich. Die Maschine ist kalt, lebt kalt da. Und wir kommen nicht zu einer sozialen Urteilsbildung, weil wir nicht verstehen, dem Menschen von ganz woanders her nun einen menschlichen Inhalt zu geben, der aus der Maschine nicht hervorkommen kann, wie aus dem Grund und Boden. Aus dem Grund und Boden wachsen Weizenhalme hervor, die eine Gabe Gottes sind für den Menschen; aus Handel und Gewerbe wächst das hervor, was zwischen Mensch und Mensch spielt, wo der Mensch das Gefühl hat: Du musst anständig sein zu dem anderen, aus der Maschine wächst nicht gerade eine Gabe Gottes hervor; aber auch mit dem Anstand gegenüber der Maschine geht es nicht recht. Und so braucht gerade ein solches Zeitalter, das vom Industrialismus durchsetzt ist, einen Menscheninhalt, der nun nicht von dieser Erde ist, der gar nicht von dieser Erde ist, der die Seele erfüllt aus der spirituellen Welt heraus.

So lange die Erde dem Menschen Spiritualität gegeben hat, brauchte man nicht in freier Geistigkeit die Spiritualität zu erringen. So lange noch stark war das Gefühl von Mensch zu Mensch, brauchte man nicht in freier Geistigkeit die Spiritualität zu erringen. Heute sind wir darauf angewiesen, nachdem die Natur, die die Gaben Gottes gibt, sich zum großen Teil umgewandelt hat in die Welt der Produktionsmittel, die vom Menschen in abstrakter Weise als eine zweite Natur geschaffen worden ist, heute brauchen wir zu den Produktionsmitteln die Welt der freien Geistigkeit, die uns einen Inhalt gibt. – Mit diesem Inhalt kommt man auch heran an diejenigen, mit denen man zusammen Assoziationen bilden will.“ (…)

„Daher ist die soziale Frage in ihrem tiefsten Sinne zuallererst eine geistige Frage.“

„Wir müssen erst die Möglichkeit finden, zu erkennen, was in den anderen drinnen sitzt an Seelischem und Geistigen und was in uns drinnen sitzt, wenn wir uns zusammensetzen wollen in den Assoziationen. Wir müssen die Klüfte überbrücken, die sich gebildet haben. Das ist dasjenige, was die erste Anforderung ist. – Daher ist die soziale Frage in ihrem tiefsten Sinne zuallererst eine geistige Frage: Wie breiten wir eine einheitlich wirkende Geistigkeit unter den Menschen aus? Dann werden wir auf wirtschaftlichem Gebiet uns in Assoziationen zusammenfinden können, aus denen heraus sich erst die soziale Frage in einer konkreten Weise wird gestalten und partiell, muss ich immer sagen, lösen lassen. – Aber wir denken heute noch ganz in den alten Kategorien. Wir bilden juristisches Denken, aber wie bilden wir ökonomisches Denken?, weil – so paradox es klingt

– ökonomisches Denken bedeutet: in Freiheit denken.“ (…)

„Die soziale Frage ist eine Weltfrage geworden.“

„Ich weiß, dass das heute den Menschen gerade am Allerutopistischesten klingt, es ist aber das Allerpraktischeste. Sie können noch so viele soziale Gemeinschaften gründen, noch so viele Vereinigungen in die Welt schaffen, noch so viele Gewerkschaften und Genossenschaften schaffen – mit den Begriffen, mit dem Denken, das sich aus dem Mittelalter heraus in die neuere Zeit eingeschlichen hat, mit dem Denken kommt die soziale Frage nicht einmal in Fluss, geschweige denn zu einer partiellen Lösung. Die soziale Frage ist eine Weltfrage geworden.“ (…)

„Jetzt, wo die soziale Frage zu einer brennenden Weltfrage geworden ist, jetzt sehen wir in Westeuropa überall auftauchen die Sammelbüchsen für den Osten. Es wird gesammelt. Sehr, sehr schön! Nichts soll dagegen eingewendet werden, und ich möchte sagen, je mehr man beitragen kann zu diesem Sammeln, desto mehr sollte man es tun. Es ist das alles, auch dieses Mitleid, auch diese Charitas, noch heraus gedacht aus dem Denken des Mittelalters.“ (…)

„Die Impotenz unseres sozialen Denkens

„Aber die heutige soziale Frage wird damit nicht einmal berührt, geschweige denn auch nur partiell gelöst. Denn man sollte nicht überhören, dass durch die Impotenz unseres sozialen Denkens heute ja überall die Stimmen hörbar sind, die nicht sagen: Wir sind dankbar für dasjenige, was man uns als Almosen gibt –, sondern die da sagen: Das ist das Allerschlimmste, dass man uns Almosen gibt, denn daraus ersehen wir ja, dass es noch Menschen gibt, die Almosen geben können. Die soll es gar nicht mehr geben!

Das ist dasjenige, was man mit seinem ganzen Herzen fühlen muss als den Grundimpuls des sozialen Organismus in unserer Zeit, der eigentlich schon ein Weltorganismus ist, den man aber überall bloß eigentlich im nationalen Sinne sieht.“ (…)

„Warum reden wir heute so viel von der sozialen Frage? Weil wir durch und durch antisozial geworden sind.“ (…)

„Die Theorien sind eigentlich immer über dasjenige da, was nicht real ist.“

„Wäre soziale Empfindung in der Menschheit, würde man furchtbar wenig von sozialen Theorien und sozialen Agitationen hören. Theoretiker auf irgend einem Gebiete wird der Mensch, wenn er etwas nicht hat. Die Theorien sind eigentlich immer über dasjenige da, was nicht real ist. Aber wir müssen heute das reale Leben suchen, darauf kommt es vor allen Dingen an. Das erfordert mehr Mühe, als eine Theorie auszudenken. Aber der menschliche Fortschritt kommt auch in nichts weiter, wenn er sich nicht in das Leben wirklich hineinfindet, denn der theoretische Geist ist es, der unsere Welt heute zerklüftet hat, der unsere Zivilisation heute dem Chaos nahe bringt; der theoretische Geist ist es. Und der Lebensgeist, er wird uns einzig und allein weiterführen können.

Das ist es, ich muss es noch einmal sagen, was man tief im Herzen fühlten sollte als den Grundimpuls der sozialen Frage der Gegenwart. Wenn wir verstehen, wie die Menschen wiederum die Menschen finden, dann werden wir die Möglichkeit haben, auch das Soziale in die richtige Richtung zu bringen.“ (…)

„Man versteht es aber heute noch nicht, weil man die spirituelle Welt noch nicht mit der kalt gewordenen maschinellen Welt in eine Beziehung zu setzen vermag. Man hat noch kein Denken, das sich ebenso wie das juristische und theokratische Denken früher an die Wirklichkeit sich angelehnt hat, an die heute kalt gewordene Wirklichkeit anlehnen kann, diese kalt gewordene Wirklichkeit durchdringen kann.“ (…)

„Es handelt sich darum, dass man mit derselben Kraft aus dem Industrialismus heraus wirkt, zu dem man aber jetzt freie Geistigkeit hinzubringen muss, wie man einstmals durch die Theokratie mit der Landwirtschaft, wie man einstmals durch die Jurisprudenz mit dem Händlertum hat wirken können.“ (…)

„Soziale Begriffe kann man einzig und allein bekommen, wenn man zu dem kalten Maschinellen das Warme, das offenbarende Geistige hinbringt. Und gerade diejenigen, die heute zwischen den Maschinen herumlaufen, die wollen, wenn sie es auch nicht wissen, eine wirkliche Geistigkeit, damit sie nicht allein den alten Materialismus haben, mit dem sie sonst ihr Herz einzig und allein anfüllen.

Zum Dorf und zur Kirche ist das Land und die Stadt hinzugekommen. Die wurden beherrscht mit einem sozialen Denken. Die Fabrik gehört nicht mehr zur Stadt. Die Fabrik hat nichts Geistiges mehr an sich. Da muss das Geistige von der anderen Seite hergebracht werden. Daher ist gerade die soziale Frage heutigen Tages im eminentesten Sinne eine spirituelle Frage. (…) So wie die Sonne allen Menschen scheint, so scheint dasjenige, was wirkliche Geistigkeit ist, nicht diesem oder jenem Stand, nicht dieser oder jener Klasse, führt nicht diesen oder jenen Standes- oder Klassenkampf, sondern ist für alle Menschen. Und dass alle Menschen als Einzelne in die Geschichte eintreten können, das fordert der große welthistorische Augenblick der Gegenwart.“

III. „Der Mensch in der sozialen Ordnung: Individualität und Gemeinschaft“

„Die soziale Frage in unserer Zeit ist eine sehr umfassende, sehr universelle, und vor allen Dingen sind zwei Betrachtungen notwendig für denjenigen, der einen Gesichtspunkt finden will in der sozialen Frage. Zuerst ist es notwendig, ins Auge zu fassen den gegenwärtigen geschichtlichen Augenblick der Menschheit, und auf der anderen Seite ist es notwendig, die unmittelbaren äußeren, irdisch-räumlichen Verhältnisse ins Auge zu fassen.“ (…)

„Und da muss man sagen: Gegenwart umfasst nicht etwa das jetzige Jahr oder auch nur das jetzige Jahrzehnt, sondern Gegenwart umfasst einen langen Zeitraum. Vorbereitet hat sich dieser Zeitraum seit dem 15. Jahrhundert, und das 19. Jahrhundert bedeutet seine Kulmination.“ (…)

„Man muss sagen: Was gegenwärtig, , wenn man überhaupt in das soziale Leben hineinsehen will, anzuschauen notwendig ist, das ist, dass der Mensch aus alten Bildungen überall herausstrebt und lediglich Mensch sein will, freier Mensch sein will. – Daher brauchen wir heute vor allen Dingen eine (…) Weltanschauung der Freiheit, (…) eine Weltanschauung der spirituellen Aktivität, des Handelns, des Denkens, des Fühlens, aus der menschlichen geistigen Individualität heraus.“ (…)

„Man sehe sich einen Menschen des Mittelalters an: Er ist ja nicht in dem Sinne Mensch, wie der heutige, er ist vor allen Dingen der Angehörige eines Standes, einer Kaste. Er ist nicht Mensch, er ist Christ, er ist Adliger, er ist Bürger. Alles, was er denkt, ist bürgerlich oder adelig oder priesterhaft. Der Mensch wurde erst im Laufe der letzten Jahrhunderte aus solchen Zusammenhängen gelöst.“ (…)

„Es muss etwas aufgehen in dem Menschen drinnen …“

„Heute fragt man: Wie verhält sich der Mensch, wenn er sich seiner Menschenwürde und seiner Menschenrechte voll bewusst sein kann? – Da muss aber dann der Mensch in sich etwas finden. Er muss die Antriebe, die ihm früher das Bürgertum, das Adelstum, das Priestertum gegeben und die ihn zu seinem sozialen Handeln getrieben haben, er muss diese Antriebe in sich selber finden. Und er kann sie nicht in seinem Körper finden, er muss sie in dem Geiste, der eingeprägt ist der Seele, finden. Deshalb bezeichnete ich in meiner „Philosophie der Freiheit“ den sittlichen Impuls, der zu gleicher Zeit der tiefste soziale Impuls ist, das moralisch Impulsierende im Menschen, das bezeichnete ich als moralische Intuition. Es muss etwas aufgehen in dem Menschen drinnen, was ihm sagen soll im konkretesten Falle des Lebens: So sollst du handeln. – Sehen Sie, da ist alles auf die menschliche Individualität gestellt.“ (…)

„So dass jeder Mensch fühlt von sich: Ich bin nicht von dieser Erde allein, ich bin nicht bloß ein Produkt der physischen Vererbung, ich bin aus den geistigen Welten heruntergestiegen auf die Erde und habe etwas zu tun auf dieser Erde als dieser einzelne individuelle Mensch.“ (…)

„Man muss in sich finden in der einzelnen konkreten Situation darinnen, was man zu tun hat. Das muss einem die Seele sagen. Das unbestimmte Gewissen muss zur moralischen individuellen Intuition werden. Das heißt: Frei werden als Mensch –, das heißt: Nur bauen auf dasjenige, was in dem Menschen selber drinnen ist.

„Das goldene Wort Vertrauen“

Und das haben manche Menschen sehr übelgenommen, weil sie gemeint haben, dann sei alles Moralisch-Soziale in die Willkür des einzelnen Individuums gegeben. Das ist es nicht, sondern es ist gestellt auf diejenige Basis, auf der allein das soziale Leben stehen kann; nämlich einerseits auf der Basis des Vertrauens. Dieses Vertrauen, wir müssen es gewinnen können auch den großen Angelegenheiten des Lebens gegenüber.“ (…)

„Aber es ist notwendig, dass Vertrauen – was ein goldenes Wort ist –, in der Erziehung zu diesem Vertrauen, zu dem Glauben an den einzelnen Menschen, nicht bloß an die Nation oder an die Menschheit, in dieser Erziehung zu dem Glauben an den einzelnen Menschen liegt dasjenige, was allein Impuls sein kann für das soziale Leben der Zukunft; denn von dem einzelnen Menschen zur Gemeinschaft führt auf der einen Seite nur das Vertrauen.

Und die andere Basis ist diese: wir müssen, wenn niemand dasteht, der uns zwingt, irgend etwas zu tun, den Antrieb in uns selbst finden. Auch den Gefühls-, den Gemüts-, den Seelenantrieb müssen wir in uns selbst finden.“ (…)

„Frei sein heißt: in Handlungen sich ausleben, die man liebt.“

„Es kann nur das werden: wenn wir zu dem, was wir zu tun haben, namentlich gegenüber anderen Menschen, ein solches Vertrauen fassen können, wie wir es zu einem Menschen fassen, wenn wir ihn lieben. Frei sein heißt: in Handlungen sich ausleben, die man liebt. – Vertrauen ist das eine goldene Wort, das in der Zukunft das soziale Leben beherrschen muss. Liebe zu dem, was man zu tun hat, ist das andere goldene Wort. Und in der Zukunft werden diejenigen Handlungen sozial gut sein, die aus allgemeiner Menschenliebe gemacht werden.“ (…)

„... nicht mehr Nationalwirtschaft, sondern Weltwirtschaft“

„Wir haben seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts nicht mehr Nationalwirtschaft, sondern Weltwirtschaft, das ist das Wichtige, was im sozialen Leben zu beachten ist. (…) Wenn an einem Ende der Erde unzählige Menschen hungern, dann sind es die menschlichen Einrichtungen der letzten Jahrzehnte, die das bewirkt haben. Denn dann sind die menschlichen Einrichtungen nicht so, dass auf den hungernden Flecken der Erde in der richtigen Zeit die richtigen Nahrungsmittel hinkommen. Es kommt darauf an, wie die Menschen auf der Erde diese Nahrungsmittel im richtigen Augenblick in der richtigen Weise verteilen.“ (…)

„Es müssen die Blicke, die heute das soziale Elend schauen, wenn man den richtigen Gesichtspunkt hat, dahin führen, dass die Menschen 'mea culpa' 2 sagen, dass jeder Mensch 'mea culpa' sagt. Denn dass der einzelne Mensch als Individualität sich fühlt, schließt nicht das aus, dass er auch mit der ganzen Menschheit sich verbunden fühlt. Man hat in der Menschheitsentwicklung nicht das Recht, sich als Individualität zu fühlen, wenn man sich nicht zu gleicher Zeit als Angehöriger der ganzen Menschheit fühlt.

Das ist, ich möchte sagen, der Grundton, die Grundnote, die aus einer jeden Philosophie der Freiheit kommen muss, die den Menschen in einer ganz anderen Art hineinstellen muss in die soziale Ordnung. Die Fragen werden dann ganz anders.“ (…)

„So müssen wir nicht fragen: Sind die Verhältnisse, das Milieu die Ursache, dass die Menschen so und so sind? Oder sind es die Menschen, die das Milieu, die Verhältnisse gemacht haben? Wir müssen uns klar sein, dass jedes Ursache und Wirkung ist, dass alles in einander wirkt, und dass wir vor allen Dingen heute die Frage aufwerfen müssen: Was für Einrichtungen müssen da sein, damit die Menschen die richtigen Gedanken haben können in sozialer Beziehung? Und was für Gedanken müssen da sein, damit im Denken auch diese richtigen sozialen Einrichtungen entstehen?“ (…)

„Man muss im Kreise denken; man muss sich denken, wenn man die äußeren Verhältnisse anschaut, sie sind vom Menschen gemacht, aber sie machen auch den Menschen; oder wenn man die menschlichen Handlungen anschaut, sie machen die äußeren Verhältnisse, aber werden auch wiederum getragen von den äußeren Verhältnissen. Und so müssen wir fortwährend mit unseren Gedanken hin und her tanzen, wenn wir die Wirklichkeit haben wollen. Und das wollen die Menschen nicht.“ (…) „Man will sich nicht mit den Gedanken dem Leben anpassen, sondern man will, dass das Leben sich dem Denken anpasse. Das ist aber ganz und gar nicht die Voraussetzung der sozialen Einrichtungen, die diesen Darstellungen zugrunde liegen.“ (…)

„Institutionen“

„So dass es sich darum handelt, dass eine Institution da ist, in welcher universell das geistige Leben des Menschen gepflegt wird, das lediglich auf die Fähigkeiten der Individualitäten gebaut sein muss; dass zweitens da ist die staatlich-juristische Institution in ihrer Selbständigkeit, ohne Intentionen, die anderen Glieder des sozialen Organismus zu verschlingen, und dass drittens da ist eine Institution, die rein wirtschaftlich ist.

Die staatlich-juristische wird es zu tun haben mit all dem, was der einzelne Mensch mit dem anderen abzumachen hat, was von Mensch zu Mensch festzusetzen ist.

Im geistigen Leben kann nicht jeder ein Urteil haben; im geistigen Leben kann jeder nur das Urteil haben, zu dem er befähigt ist. Da muss alles aus der Individualität herauskommen. Das geistige Leben muss auf die Individualitäten gebaut sein. Das geistige Leben macht notwendig, dass es ein in sich geschlossener, einheitlicher Körper ist. (…) Das staatlich-juristische Leben macht es notwendig, dass die Menschen im Sinne der schon einmal heraufgekommenen Demokratie, wo der Mensch als Mensch Gelegenheit hat, von Mensch zu Mensch sich verständigen zu können über dasjenige, worüber jeder Mensch ein Urteil haben muss, worüber es nicht Sach- und Fachkenntnis gibt, sondern worüber jeder Mensch ein Urteil haben muss. Es gibt ein solches Gebiet des Lebens, das ist das Juristisch-Staatliche.

Und drittens das ökonomische Gebiet. Da zeigt sich, wie da alles nicht vom dem einzelnen Urteil ausgehen kann – das Urteil des einzelnen ist gleichgültig, denn es kann niemals richtig sein –, sondern von den Assoziationen, von den Gemeinschaften der Menschen, die aus dem Zusammenfluss ihrer Urteile ein gemeinschaftliches Urteil heraus zustande bringen.

Nicht darauf kommt es an, dass man sagt, man solle den Staat oder sonst irgend eine Gemeinschaft in drei Glieder teilen, sondern darauf kommt es an, dass von diesen drei Gliedern jedes dasjenige tun kann, was es tun soll, damit der soziale Organismus richtig wirkt.“ (…)

„Wenn ein sozialer Organismus so gegliedert ist, dass darinnen das Geistesleben frei auf die Individualitäten gestellt ist, dass ein juristisch-staatliches Leben da ist, welches alle die Angelegenheiten ordnet, wofür jeder Mensch kompetent ist, gleichgültig was er für einen Bildungsstand und so weiter hat, und wenn drittens ein selbständiges wirtschaftliches Leben da ist, das es nur zu tun hat mit Produktion, Warenkonsumtion und Zirkulation, dann ist dieser Organismus so gegliedert, dass die einzelne Handlung, die einer tun kann, wirklich so durchfließt durch den sozialen Organismus, wie das Blut durch den Menschen fließt.“ (…)

„Die Arbeit als Ware?“

„Und so wird man sehen, wenn das juristische Leben in der richtigen Weise sich auswirken kann, dass dieses juristisch-staatliche Leben vor allen Dingen dann die Arbeit des Menschen einbezieht. Die Arbeit des Menschen steckt ja heute ganz im wirtschaftlichen Leben drinnen. Sie wird nicht behandelt als etwas, was von Mensch zu Mensch bestimmt wird. Ich habe etwa 1905 einen Aufsatz 3 geschrieben über die soziale Frage, und habe da klarmachen wollen, dass unter unserer heutigen Arbeitsteilung Arbeit nur eine Ware wird, indem sie hineinfließt in den ganzen übrigen Organismus. Für uns selber hat in Wirklichkeit unsere Arbeit nur einen Scheinwert; während das, was wir tun, für die anderen einen Wert haben soll.“ (…)

„Die Arbeit ist dasjenige, was der Mensch für den Menschen macht, die nicht darnach geordnet werden kann, wie viel Arbeitszeit man in der Fabrik braucht. Die Bewertung der Arbeit führt im eminentesten Sinne hinein in das Gebiet des Rechts, der staatlich-juristischen Ordnung. (…) Denn dann wird erst der Mensch dem Menschen gegenüberstehen und wird erst die Arbeit eine richtige Regelung finden, wenn Menschenwürde gegen Menschenwürde sprechen wird, aus dem heraus, für das alle Menschen kompetent sind.“ (…)

„Das wirtschaftliche Leben darf nicht die Arbeit bestimmen. Es muss eingeschlossen sein auf der einen Seite zwischen der Natur, auf der anderen Seite zwischen der staatlich festgesetzten Arbeit.“ (…)

„Im ökonomischen Glied des sozialen Organismus werden die Assoziationen dastehen, in denen werden Konsumenten und Produzenten und Händler in gleicher Weise aus ihren Lebenserfahrungen heraus ein assoziatives Urteil – nicht ein individuelles, das gar keine Bedeutung hat –, ein assoziatives Urteil abgeben.“ (…)

„... ohne Neugründung...“ „Dasjenige, um was es sich bei der Dreigliederung des sozialen Organismus handelt, ist nicht, aus einem utopistischen Gedanken heraus Wirklichkeiten zu schaffen, sondern das, was wirklich ist, anzufassen; diejenigen Institutionen, die gegenwärtig da sind, diejenigen, die konsumieren, die produzieren, der Unternehmer, das, was da ist selber ohne Neugründung, das soll in Assoziationen zusammengefasst werden. Man soll gar nicht fragen: Wie gründet man neue Assoziationen? – Dann wird vor allen Dingen innerhalb dieser Assoziationen aus der wirtschaftlichen Erfahrung heraus eines richtig erfolgen, woraus tatsächlich eine soziale Ordnung kommen kann.“ (…)

„... ins Leben hineinkommen ...“ „Ich habe einmal einem Industriellen, der ein ausgezeichneter Mensch auf seinem Gebiet ist, gesagt: Wir werden erst recht ins Leben hineinkommen, wenn Sie in der Fabrik einen Menschen haben, der sich ins volle Leben der Fabrik hineinstellt, der mit seinem ganzen Wesen da drinnen steht; dann kommt irgend eine Hochschule, eine technische Hochschule, die nimmt sich diesen Menschen aus der Fabrik heraus, nicht den, der gerade zubereitet ist, sondern diesen aus dem Leben heraus nimmt sie. Sie stellt ihn hin, damit er nun fünf oder zehn Jahre dasjenige den Jungen oder Mädchen zu sagen hat, was zu sagen ist aus dem Leben. Dann, wenn das ein bisschen altbacken geworden ist, mag er wieder zurückgehen in die Fabrik. – Es wird das Leben kompliziert, aber das fordert die Zeit, das lässt sich nicht anders machen.

Geradeso wie immer neues Leben die soziale Ordnung durchströmen wird, oder die soziale Ordnung wird in die Dekadenz kommen, so muss man sagen: Entweder muss der Mensch wirklich Mensch werden, das heißt, er muss mit seinen Fähigkeiten zirkulieren können im sozialen Organismus, oder wir kommen in die Dekadenz hinein. Man kann ja die Dekadenz wählen, wenn man will, wenn man auf dem alten Standpunkt stehenbleiben will; aber Stehenbleiben, das lässt uns eben die Evolution nicht. Das ist es, auf was es ankommt.“

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Wer den gesamten Wortlaut der drei Vorträge lesen will, kann es hier tun:


1) Rudolf Steiner, „Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft“ Stuttgart, 1919. (Ein Hinweis auf dieses Buch vom Schluss dieses Vortrags lautet: „Derjenige, der die 'Kernpunkte der sozialen Frage' als ein Buch des Verstandes nimmt, versteht es nicht. Allein derjenige versteht es, der es als ein Willensbuch, als ein Herzensbuch nimmt, das gesprochen ist aus dem Leben heraus, aus demjenigen, was heute überall unter der Oberfläche des Daseins als die wichtigsten sozialen Impulse der Gegenwart genommen werden können.“

2) 'meine Schuld'

3) Rudolf Steiner, „Geisteswissenschaft und soziale Frage“ - Die wahren Gesetze des menschlichen Zusammenarbeitens. - Ein Aufsatz 1905/1906, (Aus GA 34), Einzelausgabe, ISBN: 978-3-7274-5072-3.

4) Rudolf Steiner, Auszüge aus den Vorträgen vom 26. August, 28. August und 29. August 1922 in Oxford, Einzelausgabe, ISBN: 3-7274-5197-1, Sonderdruck aus der Gesamt-Ausgabe, (GA 305): „Die geistig-seelischen Grundkräfte der Erziehungskunst – Spirituelle Werte in Erziehung und sozialem Leben“, Rudolf Steiner Verlag, 1979.